Samstag, 25. März 2017

Zum Welttheatertag 2017: Danke für die Verzauberung; Danke für die harte Arbeit; Danke dafür, dass wir in Deutschland ein weltweit einmaliges Theatersystem haben - Eine Liebeserklärung und Lobpreisung zum 27. 3. 2017


Osnabrück – Einmal im Jahr, immer am 27. 3., ist der Welttheatertag. Seit im Jahr 1961 der Kongress des „Internationalen Theaterinstitutes“ in Wien beschlossen hat, den Eröffnungstag des in Paris stattfinden Festivals „Theater der Nationen“ zum jährlichen Botschaftstag für das Theater zu machen, finden alljährlich an diesem Tag allerlei Aktionen und Auszeichnungen statt. Auf diesem Blog habe ich den Tag im vergangenen Jahr zum Anlass genommen, der Geschichte der deutschen Theatersubventionierung bzw. Theaterfinanzierung auf den Grund zu gehen… Diesmal möchte ich den Tag für etwas Anderes zum Anlass nehmen. Nämlich für Dankbarkeit. Muss auch mal sein.

Wenn es auch auf diesem Blog oft den Anschein macht, als gäbe es immer irgendwas zu beckmessern (gibt es ja auch), so muss doch einmal die Grundprämisse formuliert sein, unter der all das geschieht. Die lautet: Was für ein Geschenk ist doch das deutsche Theatersystem! Wie großartig ist es, dass wir miterleben dürfen, seit Jahren miterleben dürfen, welche Vielfalt und welche kulturelle Leistung sich hierzulande entwickeln darf. An so vielen Orten! So vielen wie sonst nirgends in der Welt – das ist ja das Wunderbare daran.

Eine Lampenreihe führt zu einem Ort, an dem es immer mal wieder erleuchtende Augenblicke zu erleben gibt.... Das Theater Osnabrück an emem Frühlingstag.   (Thomas-Achenbach-Foto)

Denn natürlich ist es alles andere als selbstverständlich, dass wir hier in Osnabrück, mitten in einer 19000-Seelen-Stadt (diese Zahl ist derzeit umstritten...) am äußersten Zipfel von Niedersachsen, nicht nur immer wechselnde Theateraufführungen erleben dürfen, sondern auch einen solchen Reichtum an Theater. Drei verschiedene Sparten, jede für sich ein eigener Hort der Qualität und Kreativität und der geballten Fachkompetenz, dazu Konzerte, Sinfonien, freie Theatergruppen, Kinder- und Jugendtheater.... Was für ein Geschenk!


Lasst uns kurz innehalten - allem Zeitgeist zum Trotz


Ja, wir leben in krisenhaften Zeiten; ja, die Finanzierung von Theatern steht allzu oft auf dem Kürzungsplan oder wird allzu kritisch diskutiert; ja, die Frage des Publikumsnachwuchses muss sich viel drängender stellen; ja, unter den üblichen Opernzuschauern gehöre ich mit meinen über 40 Jahren oft zu den Jüngsten; ja, ich bin durchaus nicht mit allen hier und sonstwo im Theater erlebten Aufführungen einverstanden (mit anderen dagegen sehr); ja, es ist nicht ausgeschlossen, dass uns noch radikale Wandlungen im System bevorstehen, siehe die Lage in Rostock, Hagen, Wuppertal, zumal ja auch die Künstler daselbst nicht mehr am Rande des Existenzminimums leben wollen und sich immer lautstarker Gehör verschaffen. Ja, ja, ja.... Aber lasst uns - trotz allem - für einen kurzen Augenblick, heute, jetzt, hier, am Welttheatertag, einmal kurz innehalten und wahrnehmen, was da alles IST. Und was war. Also alleine in meinem Leben. Drei Beispiele dafür. 


Wo die Leidenschaft blüht: Alle drei Bücher über das Theater Osnabrück finden sich - na klar - auch bei mir im Bücherschrank. Und mein Stoffbeutel zum Einkaufen: Vom Theater, logo. Devotionalien, das muss sein.   (Thomas-Achenbach-Foto)

Zu einer der in unserer Familie oft erzählten Geschichten gehört die Schnurre von der Fledermaus, in die ich als Fünfjähriger mit meinen Eltern gegangen bin. Das war kein Problem, war ich doch schon mit vier Jahren in einer Zauberflöte gewesen. Nun also Strauß Jr.: Flotte Musik, gute Unterhaltung. Ganz sicher habe ich nicht alles verstanden, was da auf der Bühne geschieht, jedenfalls nicht im Subtext (Liebesbeziehungen und alles, was dazugehört). Aber als dann der Frosch kam, also der Gefängniswärter im dritten Akt, und wie üblich sein improvisiertes Komikprogramm abfeuerte, mit all den Karnevalskalauern, die so dazugehören ("Ja, sind Sie denn von Sinnen?" - "Nee, von Voxtrup!"), da habe ich mich als junges Kindergartenkind gar nicht wieder einkriegen können vor Lachen. So dass die Damen und Herren des Orchesters aufstehen und gucken mussten, wer denn da oben so kichert und giggelt.


Deutlich gespürt: Wie tief Theater gehen kann


Damals gab es im Osnabrücker Theater noch die inzwischen abgebauten Seitenränge, auf denen wir oft gesessen haben. Genau dort, auf der rechten Seite, habe ich auch gesessen, als ich als Sechs- oder Siebenjähriger die erste "Cabaret"-Inszenierung meines Lebens gesehen habe. Die mich bis in die tiefen Schichten meiner Seele hinein erschüttert und empört hat mit ihrer Schilderung des aufkeimenden Nazideutschlands. Als wir dann nach Hause kamen, habe ich, der ich die Dinge damals noch nicht ganz richtig einschätzen konnte (meine Mutter war Geschichtslehrerin), die Bücher über Hitler und den Zweiten Weltkrieg aus dem Regal gerupft und meinen Eltern voller Zorn vor die Füße geworfen: "SOWAS habt Ihr im Bücherregal stehen!". - Aber was ich damals auch gelernt habe: Wie sehr einen das Theater packen kann. Einen erreichen kann. Was es alles mit Dir macht. So ging es weiter. Noch bis vor kurzem...:


Ja, klar, mit der Lady - also der jüngsten "My Fair Lady", rechts als Szenenbild im Guckkasten, war ich alles andere als einverstanden, wie auf diesem Blog dokumentiert. Aber unter der Prämisse der größten Dankbarkeit dafür, dass es überhaupt eine live gespielte Lady zu erleben gibt in dieser Stadt!

Es ist keine zwei Jahre her, dass das hiesige Sinfonieorchester (mit Verstärkung aus Münster und Bielefeld) erstmals die neunte Sinfonie von Gustav Mahler aufgeführt hat. Und wieder ist das, was ich da erlebt habe, bis in die tiefsten Schichten meines Innenlebens durchgedrungen. Eine solche Musik live erleben zu dürfen, eine Musik, die den Tod der eigenen Kinder überwindet und die eine Transzendenz über das Leben hinaus am Ende immer spürbarer macht, eine Musik, die Dich tief erschüttert und doch irgendwie getröstet zurücklässt, ist etwas ganz Besonderes, Einmaliges, Wertvolles. Und all das, was mein Leben so geprägt hat, durfte ich hier vor Ort erleben. Nicht weit von der Haustür entfernt - oder in nicht allzu weit entfernten Städten. Danke also, liebe Kulturschaffenden, Orchestermusiker, Sänger, Schauspieler, Tänzer, Dramaturgen, Regisseure, Dirigenten, alle, die ihr daran mitgewirkt habt. Danke für die harte Arbeit, Danke für die Verzauberung und Verwandlung. Danke aber auch dafür, dass Ihr es zu akzeptieren gelernt habt, dass zu der Leidenschaft, die ein Theaterfan in sich trägt, immer auch die kritische Auseinandersetzung gehört. Die Beckmesserei. Aber immer: Unter der oben genannten Prämisse. Was für ein Geschenk. Liebeserklärung Ende. 

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