Freitag, 8. September 2017

Warum die "Live-im-Kino"-Ereignisse ein großer Wachstumsmarkt sind und was die Branche noch Spannendes plant, neben Rockkonzerten und Opernübertragungen - Ein Interview mit Thomas Schülke von der Firma Cinema Consult

Osnabrück/Bochum - Rockkonzerte oder Klassik. Bayreuth oder New York. Gerne auch London, aber das wird bei uns leider nicht gezeigt... Dass ich ein Fan von "Live im Kino"-Ereignissen bin, ist kein Geheimnis, sondern war hier oft nachzulesen. Und dass ich nicht der Einzige bin, dem es so geht, zeigen die vollen Reihen an einem Samstagabend bei "MET live in HD", der Opernübertragung aus der New Yorker Metropolitan Opera. Sogar hiesige Theaterangestellte, die eigentlich bei der Premiere der Osnabrücker Kollegen sein sollten, hat man schon mal an dem einen oder anderen Abend dort gesichtet. Merkwürdig aber, dass über "Live im Kino" so selten berichtet wird. Dabei plant die Branche noch viel, wie mir Thomas Schülke von Cinema Consult im Interview berichtet hat. 

Die in Bochum sitzende Firma kümmert sich um den so genannten "Alternative Content" für Kinos - also um alles, was außerhalb der handelsüblichen Filme liegt, wobei sowohl Vertrieb wie auch Vermarktung und PR zu den Aufgabengebieten der Firma gehören. Das Interview mit Thomas Schülke habe ich in zwei E-Mail-Durchläufen durchgeführt... 

Thomas Schülke, eine Lesung mit John Le Carré, ein Live-Konzert mit der Filmmusik von Hans Zimmer, von ihm selbst geleitet, ein Musical aus London, live und direkt von der Bühne übertragen, ein Rockkonzert von David Gilmour…. Das Feld „Live im Kino“ wird offensiv beackert. Gibt es da überhaupt noch Ausbaumöglichkeiten?

Schülke: Wir stehen noch immer erst am Anfang der Entwicklung. Erst die Digitalisierung der Kinos vor wenigen Jahren hat derartige Events technisch möglich und wirtschaftlich lohnend gemacht. Sowohl Kinos als auch Besucher entdecken gerade erst richtig die Möglichkeiten. Grundsätzlich eignet sich jedes Thema für die Vorführung in einem Kinosaal, bei dem das Gemeinschaftserlebnis im Vordergrund steht. Man spürt die Emotionen der anderen Menschen im Saal, und sieht das Geschehen auf einer riesigen Leinwand – das übt eine Faszination aus, der man sich nur schwer entziehen kann. Gleichzeitig ist man durch die Kamera viel näher am Geschehen, als es bei den Events vor Ort wirklich möglich wäre. Doch noch immer wissen viel zu wenige Menschen, dass es im Kino längst auch andere Angebote als Kinofilme gibt.

Was läuft denn derzeit am besten im Segment „Live im Kino“?

Marketing-Fachmann und Kino-Fan: Thomas Schülke kümmert sich um Live-Events auf der großen Leinwand - und plant noch so manches.   (Schülke-Foto)

Schülke: Fest etabliert haben sich die Übertragungen von Opern und Balletten – hier gibt es mit der Metropolitan Opera aus New York, dem Royal Opera House aus London und dem Bolshoi Ballett aus Moskau gleich mehrere attraktive Programmreihen, die sich ein treues und wachsendes Publikum aufgebaut haben. Bei den Einzelevents sind es Rockkonzerte und -dokumentationen, die besonders dann erfolgreich sind, wenn die Gruppe der Hardcore-Fans einer Band wirklich erreicht wird. Theaterübertragungen, die im englischsprachigen Raum sehr gut funktionieren, kämpfen bei uns mit der Sprachbarriere, da die Produktionen in der Regel auf Englisch sind. Deutschsprachige Theaterangebote gibt es praktisch gar nicht…

Bis auf Bayreuth… Ich erinnere mich an einen auch in Osnabrück übertragenen Fliegenden Holländer.  Oder an den Tannhäuser. Im Kino saßen drei Leute. Ein Jammer. Ein Vermarktungsproblem? Selbst in Osnabrück müsste es mehr Wagnerianer geben als mich, die es auch an einem Dienstag um 17 Uhr ins Kino zieht, wenn so ein Ereignis ansteht…. ?

Schülke: Es kann natürlich viele Gründe geben, warum ein Event vielleicht doch nicht so gut ankommt wie erhofft. Neben der Wettbewerbssituation oder dem Wettereinfluss liegt es aber tatsächlich oft daran, dass die Zielgruppe nicht wirklich erreicht wird. Das steht in direktem Zusammenhang mit den oft sehr kleinen Marketingbudgets. Es ist aber sicher auch nicht besonders hilfreich, wenn ein Kinoevent seinen besonderen Charakter und die Exklusivität verliert, weil es nahezu zeitgleich im TV oder im Internet zu sehen ist.

… überhaupt, die großen Theater-Festivals, Salzburg, all sowas. Oder die Freilichtbühnen in Deutschland. Ginge da nicht noch was?

Schülke: Die Möglichkeiten sind da sicher längst noch nicht ausgeschöpft, auch wenn der Markt für Klassik-Angebote sicher auch nicht unendlich groß ist. Finanziell wird es allerdings schwierig, wenn sich die Auswertung auf den deutschsprachigen Raum beschränkt. Wenn die Produktion dann nicht ohnehin für ein anderes Medium stattfindet und damit durchfinanziert ist, rechnet sich ein reines Kino-Event oft nicht. Und eine Kulturförderung für Live-Kinoübertragungen gibt es bei uns bisher nicht. Salzburg ist exportfähig, da sind einzelne Inszenierungen auch für Kinos erhältlich. Aber ohne begleitende Marketingunterstützung scheint mir das wenig erfolgversprechend.

Und was planen Sie noch?

Schülke: Die Branche experimentiert immer wieder mit E-Games, Sportübertragungen, Ausstellungsrundgängen und sogar TV-Highlights, die im großen Kinosaal einfach mehr Spaß machen als zuhause. Es wäre schön, wenn bei diesen Events auch eine Regelmäßigkeit gelingen würde, wie sie bei den Opern bereits üblich ist.

Mir fällt auf, dass der Bereich „Live im Kino“ selten bis gar nicht in den offiziellen Medien wahrgenommen wird – gibt es da irgendwie Berührungsängste oder woran könnte das liegen?

Schülke: Die klassische Filmkritik fühlt sich für dieses Thema nicht zuständig. Für andere Journalisten gehört aber alles, was im Kino stattfindet, in den Bereich des Filmredakteurs. Da sitzen wir etwas zwischen den Stühlen und müssen um Aufmerksamkeit kämpfen. Und da die Umsatzerwartung bei einer einzelnen Veranstaltung nicht so hoch ist wie bei einem Kinofilm, der wochenlang gezeigt wird, sind auch die Budgets für PR- und Marketingarbeit klein.

Wie sind Sie dazu gekommen, daran mitzuarbeiten – und was genau machen Sie eigentlich?

Am 1. 10. in Kinos weltweit zu erleben: Die Filmmusik von Hans Zimmer als dickes Live-Konzert. (Cinema-Consult-PR-Foto)

Schülke: Ich bin seit 1994 in der Kinobranche tätig. Als Marketingleiter einer großen Kinokette habe ich in Deutschland und Österreich fast zwei Jahrzehnte auch im Bereich des „Event Cinema“ oder „Alternative Content“, wie es in der Branche genannt wird, vieles ausprobieren können. In anderen Ländern gibt es spezielle Dienstleister, die diese Themen in die Kinos bringen – in Deutschland habe ich da eine Marktlücke gesehen, in der ich seit 2015 nun mit meiner eigenen Firma selbst aktiv bin. Je nach Projekt biete ich unterschiedliche Dienstleistungen an – von Bausteinen wie Vermietung und Abrechnung mit den Kinos über einzelne Marketing- und PR-Aufgaben bis zum Komplettangebot, wo ich selbst als Verleih für den Rechteinhaber tätig bin. Mein internationales Netzwerk ist dabei eine große Hilfe. Seit 2016 bin ich auch in der „Event Cinema Association“ aktiv, dem einzigen weltweiten Branchenverband für dieses Thema, und vertrete den Verband in Deutschland.

Wie läuft das Thema denn im Ausland? Wo sind die wesentlichen Unterschiede?

Schülke: Speziell in England ist der Markt etwas weiter entwickelt. Dort liegt der Anteil von „Event Cinema“ am gesamten Ticketumsatz der Kinos bei mehr als 3%, in einzelnen Kinos sogar schon bei mehr als 20%. Das liegt dort an den drei erfolgreich etablierten Reihen „Royal Opera House“, „Metropolitan Opera“ und „National Theatre Live“. Diese haben für eine hohe Bekanntheit der Kino-Events gesorgt, in deren Gefolge auch andere Themen funktionieren. Gerade erst hat André Rieu dort zum dritten Mal in Folge einen Rekord für einzelne Musikevents im Kino aufgestellt. Aber auch hier ist Schwung in den Markt gekommen. Die Nachfrage steigt, und ein Erfolg wie „Rammstein: Paris“, der als dreitägiges Event alleine in Deutschland einen siebenstelligen Umsatz erzielt hat, lässt das Potential des Themas erahnen.

Auf Netflix oder bei Amazon Prima oder in sonst einem Streamingdienst bekomme ich fast alles, was ich sehen will, jederzeit verfügbar und direkt ins Wohnzimmer, sogar im Originalton, wenn ich das möchte – wieso sollte ich da noch ins Kino gehen?

Schülke: Das Kino erfüllt perfekt das Bedürfnis nach einem Erlebnis außer Haus, bei dem man etwas anderes erleben kann, als zuhause zu hocken. Es ist ein perfekter Ort, um mit anderen Menschen ein gemeinsames Erlebnis zu teilen. Es schafft den Anlass zum Ausgehen, und bietet gemeinsamen Gesprächsstoff hinterher. Filme kann man heute überall sehen – aber die Wirkung ist im Kino unübertroffen. Das gilt gerade auch für Events, wo oft der Livecharakter noch für einen zusätzlichen Kick sorgt.

Aber dennoch, könnte ich mir vorstellen, beobachten Sie die Streaming-Entwicklungen mit einem gewissen Argwohn?

Schülke: Natürlich muss die Kinobranche dafür sorgen, dass ein Kinobesuch aufregender bleibt als andere Angebote. Verwertungsketten und Geschäftsmodelle werden sich ändern, weil Streaming-Anbieter selbst zu wichtigen Content-Produzenten werden und entsprechend Einfluss nehmen können. Eine einfache Antwort gibt es für die Branche darauf nicht. Die Ergänzung des bisherigen Kinoangebotes durch andere Inhalte wie z.B. Liveevents ist aber eine der Antworten, die man hier geben kann. Der Trend geht eindeutig in die Richtung, mehr Programmvielfalt im Kino anzubieten und diese auch als Event zu inszenieren.

Ein Kino, in dem die Sitze wackeln, passend zur Filmbewegung – sowas gibt es inzwischen selbst in einer eher kleinen Großstadt wie Osnabrück. Wird es bald das volle Programm geben, das alle Sinne anspricht? Mit Blutgeruch zum Horrorfilm und Erschreckern, die Dir während des Films den Rest geben?

Am 28. 9. im Kino zu erleben: Der Black-Sabbath-Film "The End Of The End" - und, na klar, Ozzy ist auch dabei.  (Cinema-Consult-PR-Foto)

Schülke: Diese Angebote haben durchaus ihre Berechtigung und finden ihr Publikum, aber das ist sicher nicht die Antwort auf alle Herausforderungen der Branche. Viele Menschen möchten im Kino einfach nur entspannen, andere suchen bewusst den Kunstgenuss und die inhaltliche Auseinandersetzung. Das Kino wird für unterschiedliche Zielgruppen auch verschiedene Angebote machen müssen, und Live-Events gehören auf jeden Fall dazu.

Ich staune darüber, dass das Thema Musical als Live-Übertragung nicht ausgebaut wird. Das würde doch sicher wenigstens genauso gut laufen wie Oper im Kino, wenn nicht besser?

Schülke: Da würde ich mir auch ein regelmäßigeres Angebot wünschen. Es gab ja einige durchaus erfolgreiche Musicalevents in den Kinos (z.B. „Das Phantom der Oper“, „Billy Elliott“, „Miss Saigon“) – sobald es sich aber nicht um bekannte Marken handelt, sondern um unbekanntere Titel, ist es deutlich schwieriger, dafür ein Publikum zu finden. Und da die Top-Titel noch immer irgendwo auf der Welt live in einem Theater zu sehen sind, sind die Rechte für ein Kinoevent nur schwer zu bekommen.

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