Mittwoch, 22. Februar 2017

Totengedenken mit Seltenheitswert: Ein Requiem, das ostasiatische Bezüge benutzt und sich nicht im Liturgischen oder Opernpathos verliert - ein Beitrag zur Blogparade "Alle reden über Trauer" am 27. 2. 2017

Osnabrück - "Alle reden über Trauer" - wir müssen das jetzt auch einmal tun. Also in kultureller Hinsicht: Ein Requiem ist eine Totenmesse. Also ein Stück Musik, das - auch - dem Totengedenken dienen soll. Allerdings gibt es wenige Requien, die diesem letzten Aspekt tatsächlich Rechnung tragen. So dachte ich bis vor kurzem. Aber jetzt kenne ich ein Requiem, das ich hierfür empfehlen kann. Trotz einiger Kitschüberschreitungen darin. Auch in diesem Kulturblog soll es hiermit einen Beitrag für die Blogparade "Alle reden über Trauer" am 27. 2. 2017 geben, die die Bloggerin Silke von "In lauter Trauer" gestartet hat (mehr Infos dazu gibt es hier). 

Was die mir bisher bekannten Requien erfüllten, waren vielerlei Zwecke. Entweder waren sie streng liturgisch aufgebaut - als klassisch katholische Totenmesse - oder von einer besonderen Wucht geprägt. Oder von dem Bestreben, eine besondere musikalische Schönheit zu erreichen wie es beispielsweise John Rutter tut. Das alles kann faszinierend sein, wird aber einem tatsächlichen Gedenken an die Toten, einer Ehrung und Würdigung der Gestorbenen, nur bedingt gerecht. Erst jetzt habe ich das Requiem des umstrittenen zeitgenössischen Komponisten Karl Jenkins entdeckt (der auch bei der Popgruppe Soft Cell mitmischte), dessen Melancholie einer Totenwürde mehr Rechnung trägt. Wie alles von ihm ist indes auch dieses Werk nicht unumstritten.


Das Cover: Kitschig. Die Musik: International. Der Komponist: Umstritten. Und dennoch: Das "Requiem" von Karl Jenkins ist durchaus nicht uninteressant. Und auch nicht schlecht.    (Thomas-Achenbach-Foto)

Es ist ein Musikstück, das japanische Haiku-Weisheiten rund um den Tod mit der lateinischen Totenmesse zu vereinen sucht und damit einen ebenso gefälligen wie gefährlichen Brückenschlag zwischen ostasiatischen Philosophien und katholischen Traditionen wagt. Manchmal gelingt dieser Spagat jedoch - es ist keineswegs schlechte Musik. Auch wenn Jenkins in seinem Requiem alle seine vieldiskutierten Manierismen bedient, wegen der er ein nicht nur vom Feuilleton vielgescholtener Komponist ist. 


Der Mozart-Film als Initialzündung: Die Liebe zum Requiem


Für Requien habe ich eine Schwäche, zugegeben. Schuld ist vermutlich die "Mozart"-Verfilmung aus den 80ern, in der Mozarts eindrucksvolle Totenmesse kongenial als Filmmusik benutzt wird - das war die Initialzündung. Später war es die Beschäftigung mit Musicals und mit Andrew Lloyd Webber, dessen eigenes Requiem mit seinen atonalen Passagen und seiner besonderen Düsternis trotz aller Benjamin-Britten-Anleihen eine besondere Faszination auf mich ausgeübt hat (bei Lloyd-Webber gibt es ja ohnehin fast ausschließlich Anleihen). Bei aller Freude am Thema Requiem muss man indes konstatieren, dass nicht alle Komponisten ein weihevolles Würdigungswerk vorgelegt haben - manchmal so gar nicht. 



Requien sind vielfältig: Fetter Gotteszorn & liturgische Fingerübung 


Verdi vertonte so etwas wie eine spirituelle Oper mit einem brachialen Gotteszorn darin, der mit Fortissimo-Gewitter die Zuhörer erschrickt ("Rumms! Rumms! Rumms!!!"). Mozart soll seinen baldigen Tod vorausgeahnt und hineinkomponiert haben - oder wir heutigen Hörer deuteln diese Ahnung so sehr in das Werk hinein, dass es gar nicht mehr ohne dieses Brimborium funktioniert. Brahms machte den Trost für die Hinterbliebenen zum zentralen Auftaktthema seines "Deutschen" Requiems. Fauré und von Suppé lieferten liturgisch geprägte Fingerübungen, Rutter eine harmonische Schönfärberei. Und bei Lloyd-Webber wurde damals schon diskutiert, was heute bei Jenkins seine Wiederholung findet: Ob ein eigentlich aus der Unterhaltung stammender Komponist überhaupt ein so ernstes Werk komponieren kann, sollte, darf, muss (meine Antwort: warum  denn bitte nicht?). Also, Fazit: Alles feine Werke, gut hörbar bis eindrucksvoll. In Ausnahmefällen (Brahms) sogar tief berührend. Aber alle mit verschiedenen Schwerpunkten. Und nun also Karl Jenkins. 


Hat er das verdient: "Geklaute Klassik und Schweineschmalz"?


Also der ungeliebte Ex-Werbemusiker und Pop-Keyboarder, der sich in überraschend vielen Werken mit den Themen Spiritualität und Katholizismus beschäftigt (Te Deum, Stabat Mater, A Mass For Peace und, sic, ein Requiem), immer wieder aber auch Töne aus Asien oder dem arabischen Raum wie beispielsweise Muezzin-Gesänge mit einbezieht. Harmonisch, gefällig, filmmusikalisch, jazzangehaucht, immer an der Kante zum Kitsch, manchmal drüber, sich aus vielen bis zu vielen Quellen speisend - es gibt vieles, was man über Karl Jenkins sagen kann. Und weswegen Feullitonistenpuristen lieber die Nase rümpfen. "Geklaute Klassik meets Schweineschmalz", schrieb eine Rezensentin dereinst über das "Stabat Mater". Aua! Hat er das wirklich verdient?


Werbemusik als Karrierestart: Raus aus der Kuschelklassik-Ecke


Nun, teilweise sicherlich. Wer, so wie ich, seine popkulturelle Sozialisation in den 90ern erlebte, wird sich an die De-Beers-Diamantenwerbung im Kino erinnern, die mit einem Jenkins-Musikstück unterlegt war, das sich alsbald auch auf Kuschelklassiksamplern wiederfand. Ein von Klassikanleihen durchzogenes Stückchen Funktionsmusik. Oder sein "Adiemus"-Projekt, das Ende der 90er den Ton der Wellness-Mystik-Musik für die Saunalandschaften neu definierte. Wer diese Musikstücke kennt, darf zu Recht bezweifeln, dass dieser Mann auch ein vernünftiges Requiem zustandebekommen kann. Doch, siehe da...:


Fürs Feuilleton ist das nix. Für Puristen auch nicht. Das Requiem von Karl Jenkins vereint japanische Haikus und die liturgische Totenmesse.   (Thomas-Achenbach-Foto)

Es funktioniert. Überraschend gut, sogar. Da gibt es melancholische Chorpassagen im Stile eines John Rutters (Confutatis), es gibt Musik, die die Traurigkeit eines ebenso von Dankbarkeit wie Einsamkeit gerägten Friedhofgangs in sich trägt und durch meditative Anklänge an die Minimal Music ihre Wirkung entfaltet (Lacrimosa, Lux Aeterna) - und es gibt ein japanisches Haiku mit flirrenden Philip-Glass-Geigen zur Bambusflöte, was eine ganz eigene Mystik mit sich bringt (Now As A Spirit). Später vermischen sich die ostasiatischen und lateinischen Bezüge dann zunehmend, das hat seinen eigenen Reiz. Das finale "In Paradisum" mag Trauernden ein wenig zu versöhnlich erscheinen, aber der Weg dorthin ist interessant. Etwas störend: Die Fade Outs am Schluss der asiatischen Musikteile - als ob wir in einer 80er-Jahre-Playbackshow stünden? Aber sonst: Hübsch traurig. Und irgendwie auch tröstend. Nx fürs Feuilleton. Aber vielleicht was fürs Gemüt. 

----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
"Alle reden über Trauer" - alle Beiträge der Blogparade zum Thema lassen sich auf Silkes Blog "In lauter Trauer" finden. Den 27. 2. 2017 hat sie gewählt, weil ihr gestorbener Partner Julian an diesem Tag seinen 33. Geburtstag gefeiert hätte (hier alle Artikel in der Übersicht). Die Blogparade ist ihr Geschenk an ihn - eine wunderschöne Idee!
---------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

Im Trauerblog des Autors: Was soll nach einem Todesfall gefeiert werden? "Nur" der Todestag - oder auch noch der Geburtstag des gestorbenen Menschen?

Im Trauerblog des Autors: "Sei doch bitte wieder normal" geht leider gar nicht - Trauernde brauchen langfristiges Verständnis ohne Ziele 

Im Trauerblog des Autors: Zehn Tipps für einen hilfreichen Umgang mit Trauernden - für Angehörige, Freunde und Kollegen

Und auf diesem Blog: Theater kosten den Steuerzahler einfach zuviel Geld... ist das wirklich so? Und woher kommt die Theatersubventionierung eigentlich?

Keine Kommentare: