Sonntag, 11. Dezember 2016

Theater kosten den Steuerzahler einfach viel zu viel Geld... Ist das tatsächlich so? Und woher kommt sie, die Tradition der Theatersubventionierung? Gibt es so etwas wie Theatersubventionierung überhaupt? Oder ist alles ganz anders?


Theatersubventionen und Spardebatten - wird es Zeit für neue Impulse in der Frage, wieviel Theater sich die öffentliche Hand noch leisten möchte?   (Thomas-Achenbach-Symbolfoto)

Osnabrück - Theater kosten einfach zuviel Geld. Das scheint sich in Deutschland immer mehr als Trend durchzusetzen, was die öffentliche Meinung angeht. Also jedenfalls die politisch gestaltende und die davon beeinflusste öffentliche Meinung. Aber ist das wirklich so? Oder muss man diese Aussage nochmal revidieren? 

Zwei Menschen, mit denen ich im Laufe des Jahres zu tun hatte. Beide beschäftigen sich mit dem Thema Theater. Beide haben eine eigene Sicht auf das Thema Subventionierung. Ein immer wichtigeres, immer größeres, immer heißer diskutiertes Thema, wie die aktuellen Debatten in Rostock, Hagen, Wuppertal, Karlsruhe oder Trier zeigen, wo es letztlich immer um die Frage geht: Wieviel darf Theater die öffentliche Hand kosten? Müssen wir uns das noch leisten? Müsste sich Theater nicht von selbst finanzieren?


Klare Ansage: Sowas wie Subventionen gibt es nicht


Er hat eine ganz klare Meinung zum Thema Theatersubventionen - der Macher der Initiative "Art But Fair", Johannes Maria Schatz, den ich in diesem Sommer in Hagen traf, um mit ihm über eine Studie seines Vereins zum Thema Künstlerbedingungen zu sprechen. Er sagt: Es gibt keine Subventionen. Oder anders gesagt: Er weigert sich, die öffentliche Finanzierung von Theatern weiter so zu nennen. Und seiner Argumentation lässt sich dabei durchaus folgen. 


Die traurige Theatermaske war omnipräsent: Im Sommer 2016 fand in Hagen eine Demonstration gegen die Budgetkürzungen statt - Motto: Wir lassen uns das Theater nicht kaputtsparen.  (Thomas-Achenbach-Foto)


Verlierer der Spardebatten: Die Künstler


"Wenn eine Kommune eine Schule unterhält oder ein Schwimmbad, spricht auch niemand davon, dass die Schule oder das Schwimmbad subventioniert sei", sagt Schatz, dessen Facebookseite " Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen & Auditionerlebnisse" sich in den vergangenen Jahren zum Sprachrohr der deutschen Künstlerszene entwickelt hat - und damit auch zum Sprachrohr derer, die unter den derzeit an sehr vielen Orten laufenden Debatten rund um die Finanzierung von Theatern leiden, den Künstlern und Machern nämlich, die um ihre Jobs fürchten müssen. 


Haben die Nazis die Theaterfinanzierung eingeführt?

Dass die finanzielle Unterstützung der Theater durch die öffentliche Hand in Deutschland eine Einrichtung ist, die am Ende des Naziregimes aufgekommen ist und durchaus einen gewissen Sinn erfüllt, habe ich auf diesem Blog im Laufe des Jahres schon einmal historisch aufzuzeigen versucht. Eine wertvolle Unterstützung habe ich dabei erfahren durch den Theaterwissenschaftler Wolfgang Jansen, einer der Experten auf diesem Gebiet, der mir in einer E-Mail auch einiges zum Thema Subventionierung allgemein schrieb, das nachdenkenswert und veröffentlichenswert ist. Nämlich dies: 


Wer neidet jetzt wem etwas? Ist das wirklich so?


"Die Vertreter der öffentlichen Spielstätten (d.h. die leitenden Angestellten in den deutschen Opernhäusern und bedeutenden Schauspielbühnen und ihre Interessenorganisation Deutscher Bühnenverein) äußern seit Jahr und Tag, dass die Deutschen ein Theatersystem haben, um das sie ,alle Welt beneide'. Polemisch könnte man anmerken, dass durchaus fragwürdig ist, ob z.B. die Polynesier überhaupt ein Theater entwickelt haben, das sie mit unserem Vergleichen können, oder ob die Brasilianer das deutsche Theatersystem so gut kennen, dass sie deren Einmaligkeit verlässlich beurteilen können. Denn was meint „alle Welt“? Können umgekehrt wir angemessen vergleichen? Unser Theatersystem etwa mit dem Russischen? Oder Indischen? Kaum. Dergleichen Äußerungen sind also interessengeleitet." Und weiter schreibt Jansen: 


Ein Fachmann in Sachen Theaterwissenschaften und in Sachen Musicals: Dr. Wolfgang Jansen.   (Foto: Ralf Rühmeier, mit freundlicher Genehmigung)



"Zuschüsse für Theater gibt es eigentlich nicht"


"Zur Begrifflichkeit: Subventionen sind Zuschüsse. Ein Theater wie das Staatstheater Kassel ist jedoch im öffentlichen Besitz und wird durch die öffentliche Hand betrieben. Es ist also ein öffentlicher Betrieb mit einem festen jährlichen Budget, deren Höhe auf den Erfahrungen der vorangegangenen Jahre (und den finanziellen Möglichkeiten der öffentlichen Hand) beruht. Subventionen im klassischen Sinne sind dies also nicht. Insofern bevorzuge ich den Sprachgebrauch, wie Sie merken, von „öffentlicher Finanzierung“'. 


Zwei Männer, zwei Ansätze, eine Meinung


Vermutlich ohne sich abgesprochen zu haben - vielleicht sogar ohne sich zu kennen, das weiß ich nicht genau, und die Theaterszene ist letzlich auch klein -, entscheiden sich also sowohl der pragmatische "Art-But-Fair"-Macher als auch der wissenschaftlich und historisch auf die Dinge blickende Analytiker dafür, nicht länger von "Subventionierung" zu sprechen. Es ist nur ein Randdetail, das mir als Fundstück meiner Recherchen über den Weg gelaufen ist - aber ein beachtenswertes, finde ich durchaus. Und noch ein Aspekt ist interessant...:


Johannes Maria Schatz, der Macher der Initiative "Art But Fair" - weil es immer um Geld geht, hat er sich eine eigene Meinung zum Thema Subventionen und Spardebatten für Oper, Tanz und Schauspiel zurechtgelegt.  (Thomas-Achenbach-Foto)

Zwei Männer, zwei Ansätze - eine Meinung



Denn Wolfgang Jansen schildert in seiner E-Mail auch, wie  wenig vergleichbar letztlich das ist, was allgemein als "das deutsche Theatersystem" in einen Begriff zusammengestaucht wird, der eine differenziertere Betrachtung erfordert: "Insbesondere vor dem Hintergrund, dass es kulturpolitischer Konsens ist, dass Unterhaltungsbühnen keinen Anspruch auf öffentliche Unterstützung haben. Geht man vom gegenwärtigen Zustand aus, müsste zudem erst einmal gezählt werden, wie viele Theater privat und öffentlich betrieben werden. Dabei wären auch die Mischformen zu beachten. Zum Beispiel...:" 


Das Theater in Stuttgart. Zwar müssen die dortigen Kulturbetriebe ebenfalls unter Spardebatten leiden, die Oper ist aber bislang noch nicht in der Diskussion - jedenfalls nicht so massiv wie andernorts. (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)


Es gibt sehr viele Variationen von "öffentlichen Theatern"


"Wie viele Theater sind im öffentlichen Besitz und werden privat betrieben (Theater des Westens z.B.)? Wie viele Theater sind im privaten Besitz und werden öffentlich betrieben (Berliner Ensemble z.B.)? Was ist mit privaten Spielstätten, die ohne einen festen (hohen) öffentlichen Zuschuss nicht existenzfähig wären (z.B. Berliner Schaubühne)? Und was ist mit Gastspielbühnen und Stadthallen, die im öffentlichen Besitz sind, aber an private Theaterunternehmer gastspielweise vermietet werden (Brandenburger Stadttheater z.B.)? Ist eine Mehrzweckhalle als ein Theater anzusehen, nur weil dort auch Theater gespielt wird? Sie müssten also zur Erfassung der konkreten Situation erst einmal die Annahme, dass die Theaterlandschaft in Deutschland durch die öffentlich finanzierten Theater dominiert wird, verifizieren..." 


Zu erwarten: "Überraschende Befunde"

Jansen schließt mit den Worten: "Ich kann mir vorstellen, dass man dabei zu durchaus überraschenden Befunden kommt." Wir sehen also: Das Thema bleibt spannend. Nicht alleine in Rostock, Hagen, Trier und Co. 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Weltweit einmalig: Warum gibt es in Deutschland eigentlich so viele Theater - und die Subvention? Wie kommt das?

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Und im Trauerblog des Autors: Trauma - das ist ein großes Wort. Was ist der Unterschied zur Trauer? Ein Psychologe sagt: Das Thema Trauma wird schlecht vermittelt



1 Kommentar:

norma hat gesagt…

Ihre Website ist schön... Danke für die info..