Samstag, 31. März 2018

Die zehn besten TV-Serien aller Zeiten... eine ganz persönliche Favoritenliste - also: die besten, bis jetzt, soweit bekannt

Sie sind so etwas wie der moderne Ersatz für literarische Brocken - und dabei gleichermaßen Brocken von beinahe literarischer Qualität: Die DVD-Boxen von TV-Serien im Buchregal. Aus der Zeit vor der Streamingphase.  (Alle Fotos: Thomas-Achenbach-Fotos, wenn nicht anders gekennzeichnet)

Osnabrück - Das "Zeit"-Magazin hat damit angefangen. Ausgabe vom 8. März 2018, darin enthalten eine Liste der 50 besten TV-Serien aller Zeiten. Also ich persönlich liebe ja Listen. Also all diese vermeintliche Referenzen schaffenden popkulturellen Listen von offensichtlich immenser Bedeutung, ohne die die meisten Zeitschriften aus dem Bereich Rock/Popkultur oder TV- und Filmkultur nicht überleben könnten, jedenfalls nicht in den inhaltsarmen Winter- oder Sommerphasen (auch der von mir heißgeliebte Rolling Stone mischt da gerne mit). Die 20 besten Filme mit Monstern darin. Die 30 großartigsten Serienaugenblicke aller Zeiten. Die 50 besten Rock-und-Pop-Alben aller Zeiten. Die 50 besten Alben mit Gitarrenriffs, die echt rocken. Die 50 unbekanntesten Alben, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Die 50 weniger bekannten Alben, die im Schatten der anderen 50 stehen. Und so weiter. Wunderbar! Nur dass ich selbst noch keine Liste dieser Art angefertigt habe. Höchste Zeit, das zu ändern. Denn tatsächlich habe ich mir kürzlich mal Gedanken darüber gemacht, welche zehn TV-Serien wohl die besten sind, die ich kenne, also wirklich die allerbesten, ohne die es nicht gegangen wäre im Leben. Wenn schon Liste, dann auch mit hohem Anspruch, na klar. Also, hier meine Auswahl. Die besten, bis jetzt, soweit bekannt. Auf geht's: 

Platz Zehn: The Newsroom. Natürlich eine typische Aaron-Sorkin-Serie: Aufgedonnert mit Pathos und bevölkert von Figuren, die viele toller Einzeiler sprechen, erleben wir die Arbeit einer TV-Nachrichrenredaktion. Oder besser gesagt: Das Idealbild einer solchen. Der Gattin daheim war's insgesamt zu bedeutungsbeladen, aber so war The West Wing ja auch irgendwie (kommen wir später noch zu). Ich persönlich liebe Aaron Sorkins Schreibe und seine Fähigkeit, Komödie und Ernstes so geschickt auszubalancieren, und habe mich gefreut, dass diese Talente hier auch so zur Geltung kamen. Natürlich wird auch hier viel geredet. Eigentlich ausschließlich. Natürlich geizen die Showrunner auch hier nicht mit dem üblichen Wer-mit-wem-Liebes-und-Beziehungsgedöns, aber das wahre Thema der Serie findet auf der Meta-Ebene statt: Die zahlreichen Dialoge, in denen nichts anderes verhandelt wird als die Frage, was Fernsehnachrichten bzw. Nachrichten überhaupt eigentlich sind und was sie sein sollten, sind das Rückgrat der Serie. Jeff Daniels als der sich nicht zum blinden Amerika-Liebhaber stilisieren wollende, hochintelligente und grundsätzlich zynisch auftretende Anchorman Will Mc Avoy ist schlichtweg großartig - und alleine seine Anfangsrede gleich in Folge Eins ist das Anschauen wert. "What makes america the greatest country in the world?"... lautet die Frage des Moderators in einer Talkshow. Und Mc Avoy ziert sich, will ausweichen, macht Scherzchen, weiß genau, wohin ihn das führen wird... Bis es dann doch aus ihm herausplatzt: "It's NOT the greatest country in the world, professor, that's my answer..." - Schock und Schweigen und Betretenheit im Publikum. Und was dann folgt, ist ein Aaron-Sorkin-Monolog per excellence. Warum Amerika nicht mehr großartig ist, warum andere Länder wenigstens ebensoviel Freiheit haben. Fünf Jahre vor Donald Trump. Dafür lieben wir ihn, seine Figuren und diese Serie. Großartig. Anders als die meisten Zuschauer hätte ich mir von dieser Serie gerne mehr gewünscht. Und zwar am liebsten mehr von all der Besserwisserbeckmesserei über tatsächliche, also nicht fiktive, Nachrichtenereignisse, wie sie in Staffel Eins ausprobiert wurde. Das war mal eine andere Herangehensweise. Dass das ganze Projekt in einer offensichtlich zu ausufernden Staffel Drei abrupt zu Ende geschrieben werden musste, ist dem Finale anzumerken, aber das trübt das Gesamtergebnis nur gering. 



Platz Neun: Dark, Staffel Eins. Weltweit gefeiert als DAS Mystery-Phänomen aus Deutschland, als unser erstes bzw. neues auch international einsetzbares Vermarktungsprodukt, ist es vor allem die düstere und immer irgendwie bedrohliche Atmosphäre, die in dieser Serie besticht. Der Vorspann setzt den Ton, merkwürdig verzerrte Bilder von einem irgendwie unheimlichen Wald und den rauchigen Schloten des Kernkraftwerks erzeugen die erste Sogwirkung, die bis zum Ende der ersten Staffel dann auch nicht abreißt. Irgendwie verzerrt sind auch die gezeigten Familienkonstellationen, die hier alle unter den merkwürdigen Phänomenen zu leiden haben. Deren Rätsel sich im Verlauf der Folgen zwar stückchenweise klärt, wenn auch nicht ganz. Nicht alles ist am Ende schlüssig, manches bleibt im Rätselhaften, aber das macht diese Serie eben auch aus. Sie muss gar nicht alles erläutern, sie trägt sich über eher über das Ungeklärte, Atmosphärische, Nebelhafte. Ich mochte das, mochte den Grundton dieser Erzählung. Derweil ich diese Zeilen schreibe, ist eine Fortsetzung der Serie bereits beschlossene Sache - dass die Autoren und Macher bei ihrem gefundenen Ton bleiben, dass sie weiterhin durch Atmosphäre überzeugen und nicht allzu heftig an der Actionschraube drehen oder ins Sci-Fi-Genre hineingeraten, wäre wünschenswert. Denn das bemerkenswerte Ende der ersten Staffel ließe nun auch allerlei Drehungen und Wendungen zu, die dem Dark-Ereignis insgesamt nicht guttun würden. Also Vorsicht (Gesehen als Stream via Netflix). 


Platz Acht: Im Angesicht des Verbrechens. Wenn Deutschlands Meisterregisseur Dominik Graf solcherlei Stoffe dreht, spricht er gerne vom "Polizeifilm". Dieser hier erstreckt sich über acht Stunden, 10 Folgen, rund 500 Minuten. Ein Brocken von Dostojewski-Format - und mit der gleichen Ernsthaftigkeit und Detailgenauigkeit. Dabei niemals langweilig, immer in hohem Tempo erzählt, sich nur selten Zeit nehmend für Ausschweifendes, dann aber richtig. Von seinem Haus- und Hof-Autor Rolf Basedow sorgfältig ausrecherchiert, ist die Miniserie ein klassischer sich stetig weiterentwickelnder Mehrteiler, der ein bestimmtes Millieu - die Banden- und Familienstrukturen der Russenmafia in Berlin - detailgenau ausleuchtet. Die in jeder Hinsicht herausragende Serie folgt dabei in vielen Details schon amerikanischen Vorbildern, beispielsweise in der Ambivalenz der Charaktere, denn auch wenn das Guter-Böser-Konflikt-Schema noch irgendwie erkennbar den Grundstock bildet, sind hier doch alle irgendwie Getriebene und zwischen den Stühlen stehende. Stattdessen spielt sie mit den Sympathien des Zuschauers, verteilt sie neu, schichtet um, bleibt auch deswegen immer spannend. Der Mehrteiler kam 2010 heraus und damit im Grunde acht Jahre zu früh. Der komplette behäbige deutsche Fernsehapparat war dafür noch nicht reif, ist ja heute kaum (also, nicht das Gerät meinend, sondern die Institutionen). Heute wäre das ein klassisches Netflix-Erfolgsrezept und genau dort gut aufgehoben: Einen Regisseuren sein Ding machen lassen, so, wie er es für richtig hält, und über das Streamingmodell erfolgreich das richtige Zielpublikum erreichen. Damals, bei Arte und der ARD, wurden die zehn Folgen jeweils als Zweiteilerpaket im Spätabendprogramm kaputtgesendet, was einem solchen Qualitätsprodukt einfach nicht gerecht wird. Lieber mal im Unerreichbaren wegversenden, weil vermutlich fürs deutsche Dschungelcampguckerpublikum zu intelligent. Falsch. Ich gucke normalerweise keinen Tatort, keinen Polizeiruf, keine deutsche Krimiware (es sei denn, sie stammt von Dominik Graf), daher ist es ganz sicher zu gewagt, wenn ich dennoch die folgende These postuliere: "Im Angesicht des Verbrechens" ist schlichtweg die beste deutsche Krimiserie, die es jemals gab.


Platz Sieben: The Wire. Da müssen wir ja schon wieder Dostojewski bemühen. Es ist vieles über diese Serie gesagt worden, was richtig ist. Dass sie eine Millieustudie über die verschiedenensten amerikanischen Gesellschaftskulturen ist. Dass sie mit chirurgischer Präzision die psychologischen Mechanismen aufzeigt, die zu falsch verstandenem Mannschaftsgeist, Korpsgeist und schließlich zur Korruption und Vertuschung führen. Dass sie auf bemerkenswert eindringliche und nachvollziehbare Weise davon erzählt, wie ein kriminelles System für die Menschen, die sonst keine Chancen haben, zum gesellschaftlichen Normersatz wird. Dass sie dabei ihre Figuren nicht bewertet, dass sie trotzdem immer ungemein unterhaltsam bleibt, obwohl sie weder die eine zentrale Hauptfigur noch sonst irgendeinen Charakter vorweisen kann, der nicht irgendwie auf seine Weise irgendwie einen Schaden hätte. Im Grunde eine TV-Serie über ein von Farbigen bevölkertes Wohnviertel im Würgegriff der Drogengangs sowie über die sie kontrollieren sollenden und gleichermaßen tief verweifelten Systeme, von den Polizisten bis hin zu Stadtverwaltung und Presse, wird "The Wire" schnell zu mehr und Tiefergehendem, beispielsweise zum Abgesang über eine verlorene Stadt (Baltimore), die einstmals eine gewisse Größe hatte und nun unaufhaltbar auf dem Abweg ist. Wie ja wohl mehrere amerikanische Städte, man vergleiche z.B. Detroit. Oder gleich zum Abgesang der amerikanischen Gesellschaft an sich. Obwohl durchweg fiktiv, wirkt die Serie beinahe dokumentarisch. Dass sich Erfinder und Showrunner David Simons als Journalist tief ins amerikanische Polizeiwesen hineinrecherchiert hatte, dass er begleitend und dokumentierend bei Einsätzen und Lagebesprechungen dabei gewesen ist, macht alleine schon den authentischen Reiz des Ganzen aus. Aber auch seine detailgenauen Schilderungen des Gewerkschaftmillieus, des Schulwesens und der Pressebranche haben ihren Charme. Als wir einem Barkeeper in New York davon erzählten, dass dies gerade unsere Lieblingsserie sei, war er schockiert: "Was sagt Euch diese Serie über unsere farbige Bevölkerung?". Aber sie erzählt eben soviel mehr als nur das. Unerreicht ist die Szene, in der der immer nur Anzüge tragende Polizist The Bunk (großartig: Wendell Pierce) und sein versoffener irischer Kollege James Mc Nulty (Dominic West) einen Tatort besichtigen und ihre einzigen Dialogzeilen in der 4.45 Minuten dauernden Sequenz aus einem stetigen "Fuck!" in allen nur möglichen Variationen besteht. Meine ganz persönliche Lieblingsszene ist indes die mit dem ruppigen und die Texte der Reporterkollegen lautstark kommentierenden Journalisten in Staffel Fünf. "You can't evacuate building", sagt er, "only people". Wie recht er doch hat. 


(Netflix-TV-/Netflix-Media-Center-Foto)

Platz Sechs: The Crown. Eine Serie über die britische Königin, Mann, wie lahm. Blaublüter und Intrigen und ganz viel königliches Gedöns. So dachte ich zuerst. Bis mich meine Frau mit einem einzigen Satz vom Gegenteil überzeugte: "Du wirst die Serie mögen, da geht es vor allem um Politik und Zeitgeschichte." Ah so? Oh ja! Und wie! Obwohl die Serie ein Folge für Folge opulent in Kino-Optik schwelgender Sehgenuss ist, funktioniert sie vor allem als Kammerspiel. So verhandelt sie in zahlreichen kunstvoll gedrechselten Wortwechseln all die Fragen, die die Serie auf ihrer Metabene diskutiert: Was ist „die Krone“ eigentlich genau, was ist ihre Funktion, ihre Aufgabe, braucht es so etwas überhaupt in einer funktionierenden Gesellschaft und wen ja, für wen? So lebt "The Crown" von einem im Grunde rein theatralen Kern, beinahe wie eine Bühnenaufführung, wo in kunstvollen Kulissen doch vor allem das gesprochene Wort und der Dialog (oder auch mal Monolog) das Maßgebliche sind.  Parallel ist "The Crown" eine Ausstattungsorgie per excellence. Und doch bleibt die Serie immer in der Realität verwurzelt – wir werden Zeuge einer Geschichte, die gelebte Geschichte ist. Beispielsweise bei der Krönung: Die hier neu nachgespielten Fernsehbilder aus der Netflixserie entsprechen in eins zu eins, in der Körpermotorik und der Umgebung, den noch verfügbaren Original-Filmaufnahmen, wie sie seinerzeit - erstmals - im Fernsehen übertragen wurden. Auch der Londoner Supersmog von 1952, der Tausenden von Menschen das Leben nahm, spielt eine Rolle. Oder das gemalte Portrait von Winston Churchill, das dieser so abgrundtief gehasst hat, dass es nicht mehr existiert - belegt, verbrieft, wie so viele andere historische Tatsachen und Details aus der Serie. Und, wie es die Washington Post so schön geschrieben hat, immer und immer wieder zwingt uns die Serie dazu, auf den Pausenknopf zu drücken. Nicht, um es in meiner eigenen freien Übersetzung wiederzugeben, um etwas Popcorn zu holen, sondern um das Internet zu durchhetzen um all diese Heilige-Scheiße-ist-das-wirklich-so-passiert-Fragen beantwortet zu bekommen ("to rifle  through the Internet to answer holy-smokes-did-that-really-happen questions" - thank you so much, washington guys, for that). "The Crown" ist auf unterhaltsame Weise sehr, sehr lehrreich und immer faszinierend (Gesehen als Stream via Netflix). 



Platz Fünf: Westworld, Staffel Eins. Ja, natürlich, der ganz große Plot-Twist mit den verschiedenen Zeitebenen war einem relativ schnell klar, auch wenn sich die Serie noch die allergrößte Mühe gab, ihr Geheimis lange für sich zu behalten. Und doch gab es genug andere Twists, die mich ziemlich überrascht haben. Und: Ja, natürlich, diese verzweifelte Suche nach dem magischen Labyrinth und der Frage, was es damit wohl auf sich hat, war dann auch ein bisschen zu aufgedonnert und überstrapaziert. Aber macht alles nichts. Kaum eine TV-Serie der jüngsten Vergangenheit hat mich so dermaßen süchtig gemacht und in mir wieder das Verlangen geweckt, das Elterndasein eben das Elterndasein sein zu lassen und das ganze verdammte Ding in einem Rutsch durchzugucken. Auch hierbei war ich anfangs ziemlich skeptisch: Eine TV-Serie, die zu 50 Prozent wie ein Western daherkommt, weil sie in einem Wildwest-Freizeitpark spielt, der von Roboterfiguren bevölkert ist? Aber dann: Diese unfassbar coole Optik, der überall spürbare düster-bedrohliche Unterton, vor allem in den Szenen der den Freizeitpark betreibenden Kontrolleinheiten, die großen Kinobilder, die philosophisch auf der Metabene gestellten Fragen darüber, was ein Bewusstsein ausmacht und was nicht, die Überraschungen, das Suchtpotenzial. Auch bei Westworld gilt indes: Bitte die Gewaltschraube nicht mehr allzu hoch drehen und dadurch das Atmosphärische zerstören. Das Potenzial dazu wäre da - und wenn Staffel Zwei tatsächlich in der bereits einmal angedeuteten Samuraiwelt spielen sollte, habe ich die Befürchtungen, dass die Serienmacher es doch arg übertreiben könnten mit ihrem Blutzoll. Was schade wäre, denn natürlich ist die Frage der barbarischen Grundnatur des Menschen eines der hier diskutierten Themen, andererseits ist Westworld hierbei schon recht weit gegangen. Der mysteriöse Man in Black als Destillat des menschlich Abgründigen, zu dem er anfangs nie hatte werden wollen. Botschaft angekommen (Gesehen als gekauftes Streamprogramm via I-Tunes). 



Platz Vier: Mad Men. Ich will ganz ehrlich sein: Das Umwerfendste an Mad Men ist der immense Verbrauch an Whiskey, Zigaretten und frischen weißen Hemden, alles im Büro, alles während der Arbeitszeit, alles ab spätestens elf Uhr vormittags. Dass es tatsächlich einmal solche Arbeitsumgebungen gegeben hat, in denen ständig gesoffen, geraucht und in der Mittagspause auch gerne mal in ein Hotel gegangen wurde, dass das sogar relativ normal war und zum guten Ton einfach dazugehörte - nicht nur das macht Mad Men über sieben Staffeln plausibel, nachvollziehbar und glaubwürdig, sondern auch die ganzen Absonderlichkeiten und Selbstherrlichkeiten der Werbebranche. Dabei ist die Serie auch ein Portrait über eine immer abstruser werdende Zeit unserer Weltgeschichte, über die Jahre nämlich, in denen die alten vermeintlichen Ordnungen und Sicherheiten erst langsam und dann immer merklicher wegbröckelten und in der das - vermutlich dringend benötigte - Chaos Einzug hält in die Welt. So gesehen sind die sieben Staffeln dieser von 1961 bis 1968 spielenden Serie auch eine Geschichte über das Ende der Welt. Ausstattungstechnisch stimmt hier alles, von der Büroeinrichtung bis hin zur Zigarettenpackung. Und eine Serie zu wagen, in der es keinen wirklichen Helden gibt, sondern nur Charaktere, deren Spektrum von ambivalent bis zu moralisch verwerflich zu beschreiben sind, war 2010 eben auch noch relaiv neu und mutig. Was diese Serie außerdem so faszinierend macht: Dass sie all die Fassadenwelten all dieser Büromenschen in solch abgründige Tiefen hineinführen kann. Typisch Werbewelt? Oder typisch Arbeitswelt? Gestern wie heute? Letztlich: Viel Tammtamm und fette Slogans. Aber dahinter kaum Substanz. Wie es die Showrunner hinbekommen, dass wir diesem bizarren Zirkus ganze sieben Staffeln lang begeistert folgen wollen, sagt viel über die Qualität dieses Projekts. Das sicherlich Ungewöhnlichste und Bemerkenswerteste, was es in Serienformat je gegeben hat. Nach meiner Kenntnis. Abgesehen vielleicht von Twin Peaks, aber das ist ein lynchiger Mystery-Traumwelten-Mischmasch, der nicht ganz von dieser Welt ist. Wohingegen die Mad Men ganz tief in unserer Welt verwurzelt sind, so, wie sie einmal war. Faszinierendes Zeit- und Sittenportrait.



Platz Drei: Treme. Der Ortsteil Treme in New Orleans bildet die Kulisse für diese Serie, wobei, eigentlich ganz New Orleans hier als omnipräsente Hauptdarstellerin fungiert. Eine Serie, die in Deutschland noch nie ausgestrahlt wurde, obwohl sie vom auch hierzulande gefeierten "The Wire"-Macher David Simons kreiert wurde. Eine Serie über eine Stadt im Chaos, die George Bush nach dem Wirbelsturm Katrina am liebsten ganz aufgegeben hätte. Eine Serie über Musik und über das, was sie mit einer Stadt macht. Eine Serie voller illustrer und bekannter Musiker als Gaststars. Vor allem aber eine ganz ruhig erzählte und ganz fundiert recherchierte Serie über eine Reihe von Menschen, die, wie ihre Stadt, irgendwie etwas aufzubauen oder in ihrem Leben zu retten versuchen. Mögen die Kritiker diese nur dreieinhalb Staffeln dauernde Miniserie auch als allzu touristische New-Orleans-Werbung abwerten, geht David Simons darin doch vor allem mit dem dortigen Polizeiapparat hart ins Gericht: Wie er hier die Verflechtung aus Mannschaftsgeist, Verschwiegenheit und Korruption wiederum - wie in The Wire - mit chirurgischer Feinstarbeit zerlegt, offenbart er ein System, das man sonst eher einem Drittweltland zugetraut hätte als der freien Welt. So gehört zu einer die Serie überspannenden Rahmenhandlung die Aktivität einer unerbittlichen Rechtsanwältin, die die Polizeigewalt-Greueltagen aufdecken möchte, die es während des Wirbelsturms und während der Chaostage danach gegeben hat. Als großes Vorbild aus der Realität dient dabei die "Danziger Bridge", die seit einer Verurteilung der beteiligten und alles vertuschen wollenden Polizisten als ikonographisches Symbol für Polizeigewalt dient. Dass in der ersten Staffel noch John Goodman als wildgewordener Videoblogger herumwüten darf, macht die Serie zusätzlich reizvoll. Wenn TV-Serien bei aller Unterhaltung so sehr dazu anregen, sich mit zeitgeschichtlichem Geschehen auseinanderzusetzen, spricht alleine das schon für sie. Ich jedenfalls habe Tréme und seine Charaktere sehr geliebt. Allen voran den ewig scheiternden Radiomoderatoren und Musiker DJ Davis, der selbst seinen angekündigten Ausstieg aus dem Musikbusiness nicht richtig hinbekommt, weil immer was dazwischenkommt. Beispielsweise die unerwartete Schließung des Lokals, in dem er sein furioses Abschiedskonzert geben wollte. Dass er sein Megaprojekt einer New-Orleans-Oper schließlich mit dem Zorneslied "Fuck All Of You Bitches!" beenden will, aber auch hier nie dazu kommt, ist ebenfalls lustig. 



Platz Zwei: The West Wing. Martin Sheen als der Präsident der USA, so, wie das Idealbild eines Präsidenten der USA sein sollte. Sieben Staffeln lang begleiten wir Jed Bartlett und seinen Stab im Weißen Haus, erleben, wie die potentielle Wiederwahl vorbereitet und gestemmt werden muss, erleben, wie ein potentieller Nachfolger implementiert werden muss, erleben, mit welcher Intensität und Leidenschaft die Mitarbeiter sich hier reinhängen und auch mal nächtelange Überstunden in Kauf nehmen. Und wer immer schon mal verstehen wollte, was dieser "Government Shutdown" eigentlich bedeutet, den es ja nun in hübscher Regelmäßigkeit in den USA gibt, der bekommt das hier auch erläutert. Und dabei fängt alles so unprätentiös an, gleich in Folge Eins, in der der Präsident vom Fahrrad gefallen ist, wie wir erfahren. Für diese Serie, so heißt es, hat der Filmemacher Aaron Sorking das "Walk and Talk" erfunden. Tatsächlich werden die meisten Dialoge hier auf den scheinbar endlosen Fluren geführt, die durchs Weiße Haus führen, während die Kamera immer hinterhergeht und dranbleibt. Mann, was habe ich diese Serie und ihre Figuren geliebt. Natürlich ist es eine typische Sorking-Serie, sprich, sie geizt nicht an Pathos und Aufgedonnertheiten und wuchtigen Einzeilern, aber all das ergibt sich stets als dramaturgische Notwendigkeit aus dem Kontext. In Deutschland hat die Serie es nicht bis zur Staffel Zwei geschafft, eine deutsche Kopie mit dem Kanzleramt als Spielstätte ist kläglich gescheitert (Schade, eigentlich, wäre ein Reboot wert). Und wäre ich beim Shoppen in Amsterdam nicht über die erste DVD-Box gestolpert, hätte ich es mit dem West Wing gar nicht versucht. Gott sei Dank war das anders. Hoher Suchtfaktor, beinahe mein Platz Eins. 


Platz Eins: True Detective, Staffel Eins. Von der ersten Sekunde an liegt diese immer irgendwie lauernde Atmosphäre über allem. Ein paar Bilder und Einstellungen reichen, der Ton ist gesetzt. Höchst intensiv die Darsteller, hochkarätig besetzt das Ensemble, höchst intelligent das Drehbuch, wird hier aus der Suche nach einem Serienmörder schon bald ein Schauerstück, das auf einer tieferen Ebene immer wieder Bezüge zu H.P. Lovecraft herstellt, meistens eher versteckt, manchmal erkennbarer. Getragen von der Idee, dass das unbewusst Scheußliche in der Gesellschaft wuchert, aber versteckt, entwickelt diese Geschichte sowohl einen gewaltigen Sog wie auch eine sublime, aber dafür umso erschreckendere Tiefenwirkung. Und doch bleibt das Gezeigte immer realistisch, von einer minimalen Ausnahme, die auch eine Art Drogenrausch sein kann, einmal abgesehen. Dass die Serienmacher dabei auf jegliche übertriebene Gewaltdarstellung verzichten können, obwohl es um ziemliche Scheußlichkeiten geht - anders als andere Serienmacher, die ihr Heil im Hochdrehen der Gewaltschraube suchen -, spricht zusätzlich für die Qualität des Ganzen. Das Geschehen wird als Rückblende erzählt, so wird von Beginn an klar, dass es die Figuren auch irgendwie gebrochen hat. Eigentlich mag ich ja keine Krimis. Aber True Detective ist viel mehr als nur irgendeine Krimiserie. In nur wenigen - nämlich acht - Folgen wird eine abgeschlossene Geschichte erzählt und alles ist hier dermaßen intensiv und dermaßen packend, dass ganz klar ist: Ja, es wird weitere Staffeln geben, andere Geschichten, andere Hauptdarsteller (das was man eine "Anthologie-Serie" nennt). Aber das wird gar nicht nötig sein. Und sie werden an die Dichte und Atmosphäre dieser ersten Staffel nicht herankommen können. True Detective war eines dieser Fernseherlebnisse, zu dem ich mich erst aufraffen musste - und das mir dann den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Unfassbar gut gemacht. Klarer Platz Eins. - Soweit meine heutige Liste. Es gibt übrigens noch ein paar Sonderfälle, die ebenfalls Erwähnung finden müssen, aber die hebe ich mir auf für einen späteren Blogbeitrag... (Gesehen als gekauftes Streamprogramm via I-Tunes).




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Sonntag, 25. März 2018

Amore und Bierdosen - so waren Wanda in der Lingener Emsland-Arena am Freitag, 23. 3. 2018 - Wanda live in Lingen, Kritik & Konzertbesprechung

Ein wichtiges Wort im Wanda-Kosmos: Amore!   (Achenbach-Handyfotos)

Lingen - Amore, meine Stadt... nun ja, für das emsländische Lingen trifft das nur begrenzt zu. Und natürlich hätte ich Wanda, dieses österreichische Band-Phänomen zwischen charmantem Wiener Schmäh und sturzbesoffener Rock'n'Roll-Brachialität, viel lieber im Osnabrücker Hyde Park gesehen. Also lieber in einer verschwitzten Clubintimität als in der etwas kühlen Konzerthallenprofessionalität. Aber als die Band im März 2017 dort auftrat, blieb die Kinderbetreuung an mir hängen und ich war noch nicht so ganz auf den Wanda-Zug aufgesprungen, auch wenn die Musik bei uns natürlich rauf und runter lief. Was bei mir indes noch mehr gezündet hat, ist das jüngste Album, das dritte, Niente, das so heißt wie die Tour, auf der Wanda nun auch Station in der Lingener Emsland-Arena machten (am Freitag, 23. 3. 2018). Diesmal war ich dabei. 

Und ich gehörte somit zu der Sorte Konzertbesucher, die selbst das neue "Letzte Wienerlied" relativ textsicher mitschmettern konnten. "Gott, wie deppert seids ihrs Wiener...?" - Denn, zugegeben, dem ironisch gebrochenen Pathos dieses stilistisch merklich softeren dritten Albums mit seiner dezenten Wolfgang-Ambros-Anmutung bin ich noch näher als dem alkoholverrauschten Dampfgassenrockpop der ersten beiden Platten. Wobei auch das alte Material im Konzert natürlich einen Monsterspaß macht, allen voran die großen Hits "Bussi Baby..." kurz vor dem Finale und, natürlich, das von allen mitgegröhlte "Oans, zwoa, drei, vieäähhh...." ganz zum Schluss. Es jedoch nicht alles prima, hier in Lingen. Der Klang jedenfalls ist erstmal nur Brei. Dass sich da auf einmal ein Saxophonist mit einer venezianischen Karnevalsmaske über die Bühne schleicht, ist zwar zu sehen, aber zu hören ist davon nichts mehr. Das wird dann später aber besser, wie vieles. 



Denn, große Überraschung, nach etwa zwei Drittel der Show nehmen die fünf Österreicher erstmal das Tempo raus. Da bezieht plötzlich ein echtes Blas- und Streichquartett mit venezianischen Masken und schwarzen Todes-Roben als düsterer Rondo-Veneziano-Verschnitt seine vier Stühle auf der Bühne und zupft und geigt und bestreicht die etwas klassischeren Songs des neuen Albums, das besagte Wienerlied oder den hymnischen "Schottenring" und das hübsch todessehnsüchtige "Ich sterbe" mit einer satten Klangpatina. Nur drei Nummern lang bleiben die Gastmusiker auf der Bühne und kehren dann nicht mehr zurück - sie für einen so kurzen Auftritt extra mit auf die Tour zu nehmen, zeugt von einem gewissen Luxus. Wie überhaupt vieles hier. 


Und dann fliegen die Bierdosen


An Biervorräten auf der Bühne jedenfalls herrscht kein Mangel. Dose um Dose fliegt als Belohnung für gelungene Interaktionen ins Publikum, auch Sänger Marco Michael Fitzthum - 31 Jahre alt - zieht sich ein Gläschen rein. Dass die Band auf jegliches Rauchverbot pfeift und sich von den Gästen am Bühnenrand auch mal ein Feuerzeug leiht - bierdosenvergütet -, erhöht den Rockfaktor. "So ein Sänger wird nicht allzu lange leben", hatte ein Kollege nach der Show im Osnabrücker Hyde Park gemutmaßt, und tatsächlich besteht die Band auch sonst auf ihrer Attitüde. Gitarrist Manuel Christian Poppe kann sich das eine oder andere Gähnen nicht verkneifen und schaut ein wenig weltenabgewandt aus der Wäsche. Huch, Tourstress oder Partystress? Macht das bei Wanda überhaupt einen Unterschied? Oder liegt es daran, dass er die ganze Gitarrenarbeit ganz alleine machen muss - denn Frontmann Marco kann wegen eingegipster Hand nicht wie sonst die zweite Gitarre mitspielen, auch ein kleiner Versuch scheitert ("Tut scheiße weh!"). Wobei ihn die malade Hand nicht dran hindert, die 1-A-Frontsau rauszulassen und voller brachialer Energie eine herausragende Show abzuliefern.


Lebensende-Schunkler und neue Hymnen


Schnaps wird hier zwar keiner getrunken, aber besungen wird er emsig. Wobei das auf rund zehn Minute ausgewalzte "Ich will Schnaps" heute zu einem psychedelischen Prog-Rock-Monolithen im Pink-Floyd-Format wird. Auf das ansonsten fest dazugehörende Stagediven bis zur Theke verzichtet Sänger Marco diesmal allerdings - ob das an seiner aus welchen Gründen auch immer gebrochenen Hand liegt oder daran, dass im nicht ganz ausverkauften Auditorium doch zu luftige Stellen bleiben?  Begonnen hatte die Show jedenfalls ganz furios mit dem Mitsingkracher "Bologna", das hier ebenso wenig fehlt wie "Luzia", "Meine beiden Schwestern", der Lebensende-Schunkler "Schick mir die Post doch ins Spital" und die diesen Hits in nichts nachstehenden neuen Hymnen "Weiter, weiter" oder "Columbo". Der Anfang war stark: Zu den Klängen der indisch-spirituell-inspirierten Beatles fiel der Amore-Vorhang... "Within You, Without You", heißt der Song. Ein Schelm, wer auch nur irgendwas Versautes dabei denkt.... Und die Stimmung?



Von Sekunde Eins an klasse! Das rund 1400 Menschen starke Publikum zeigt sich von Beginn an ebenso textsicher wie partylustig. Da fliegen die Bierbecher gleich im ersten Song und der hier schreibende Blogger ist ganz froh, seinen Kopf nicht nur aus modischen Stilgründen mit einer Mütze schützen zu können. Ein extrem gemischtes Publikum, übrigens. Bei Mando Diao vor rund zwei Monaten war die Hipsterdichte hier in der Lingener Halle spürbar höher, heute aber zeigt sich: Den einen klar erkannbaren Wanda-Fan gibt es offenbar nicht. Karierte Hemden tragende ältere Bluesfans mit genretypischen Bierbäuchen sind hier ebenso anzutreffen wie Pullover tragende Autoverkäufer wie ganz viel Jungvolk aus allerlei Kategorien, studentisch oder einfach nur ganz normal... :-) Gut eingestimmt hatte das Publikum übrigens die ebenso überzeugende wie erkannbar im Wanda-Fahrwasser schwimmende Vorgruppe Soekers aus Münster, die mit ihrem pathosdurchtränkten Deutsch-Indie-Poprock und einem ebenso wie Wandas Marco rotzig brüllendem Sänger hier die perfekte Ergänzung darstellten. Schon die zweite Vorgruppe binnen kürzester Zeit, an der ich wirklich Freude hatte (die andere war Stijn Grul aus den Niederlanden im Vorprogramm zu Steve Rothery, aber über die wollte ich später noch was schreiben). Okay - war es also eine gute Wahl, Wanda in einer so fetten Konzertarena zu erleben? Statt in einem verrauchten Club? 


Hohe Aufbauten und fette Lichtshow


Tja, ob Wanda in solche Locations wie den Hyde Park in Osnabrück überhaupt noch hineinpasst, scheint mir nach dem Besuch des Lingener Konzerts auch eine rein technische Frage geworden zu sein. Was Wanda hier an Aufbauten mit bringt, ist hoch und wuchtig, die Lichtshow gewaltig, nach der Vorband werden die Traversen noch einmal von der Decke gesenkt und mit allerlei Gimmicks wie einem neuen Vorhang und über die ganze Bühnenhöhe gespannten Hintergrundbildern ausgestattet. So wird diese Show auch rein effekt- und lichttechnisch ein eindrucksvolles Rock'n'Roll-Erlebnis in moderner Qualität. Stehst du drauf, das Leben groovt... yeah! Nur auf Coney Island ist es noch wärmer... Ja, so ist das. 


Transparenzhinweis: Besuch durch selbstgekaufte Konzertkarte, keine Pressekarte, keine Einladung.

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Achtung, Blogger und Webseitenbetreiber, die DSGVO kommt - was sich alles ändern könnte, wenn ab 25. Mai 2018 die Europäische Datenschutzverordnung aktiv wird (Datenschutzgrundverordnung für alle Blogs und alle Webseiten-Betreiber) - das AUS für die Bloggerszene*?


Osnabrück - Ein Gespenst geht um. Oder besser: Die Angst geht um. Die Angst vor wild um sich greifenden juristischen Abmahnungen, die jeden treffen könnten, die Angst davor, dass sich das (Un-) Wesen der Abmahnvereine auf alle verteilen wird, die eine Website betreiben, und sei es auch nur eine soziale wie die eines Hospizes, oder die einen Blog betreiben. Denn am 25. Mai 2018 tritt die Datenschutzgrundverordnung in Kraft. Oder anders: Die Übergangsfrist läuft aus. In Kraft ist die DSGVO schon längst. Eine Folge davon wird schon jetzt spürbar: Obwohl es bislang schon nicht so einfach war, hier in diesem Blog einen Kommentar zu posten, werde ich das nun noch etwas komplizierter machen müssen. Warum das so ist, erkläre ich später. Und, hier mein Disclaimer, nein, dieser Artikel hier ersetzt ganz gewiss keine Rechtsberatung, dieser Artikel hier wird nicht ausreichend sein für alle, die betroffen sind (also eigentlich alle, die sich irgendwie online irgendwo tummeln), und nochmals, nein, ich übernehme keine Haftung, keinerlei, für niemanden. Wer alleine diesen Zeilen hier vertraut, ist sicher nicht ausreichend informiert. 

Da habe ich ja lange Zeit gedacht, dass meine beiden Blogs - also mein Trauerblog und eben dieser Kulturblog - von den kommenden Regelungen weitestgehend ausgeschlossen sein dürften. Immerhin nutze ich weder Google Analytics, noch verdiene ich mit meinem Blog in irgendeiner Form Geld (das wäre schön, tatsächlich kostet mich das Geld). Denn bei mir kann derzeit niemand eine Werbung schalten, jedenfalls hat mich bis heute noch keiner gefragt. Außerdem sende ich keinen Newsletter heraus, was nach Aktivwerden der DSGVO auch eine sehr kritische Sache werden wird, noch speichere ich selbst aktiv irgendwelche Nutzerdaten, nirgendwo - aber natürlich tut das Blogger.com, also die hier zugrundeliegende Plattform. Allerdings ist es nun meine Verantwortung, die Leser darauf hinzuweisen, so verstehe ich das jedenfalls. Und weil die Software, die mir meinen Blog ermöglicht, ebenfalls mit Cookies arbeitet und weil ich hier eben auch eine Kommentarfunktion anbiete, bei der Blogger.com jedes Mal die Nutzerdaten irgendwo abspeichert, ja, abspeichern muss, bin ich also genauso betroffen wie alle anderen (wer eine eigene Website anbietet, einen Newsletter, die Möglichkeit, auf dem Blog zu werben, etc., der ist indes gleich mehrfach betroffen). Warum? Nun, deswegen... - hier ist der juristische Hintergrund, also so, wie ich ihn verstehe (also alleine meine persönliche Auffassung des Ganzen).


Eine neue EU-Verordnung sorgt für viele Irritationen in der Bloggerszene - werden auch Blogger demnächst kollektiv an den Abmahnpranger gestellt?   (Thomas-Achenbach-Fotos)

Aber zuerst einmal, zugegeben: Ich weiß das alles, was hier steht, auch nur aus den Blogbeiträgen darüber, die ich mir so im Internet zusammengesucht habe, ich habe auch nicht alles davon verstanden, und, ja, ich werde mich von Rechtsanwälten dazu beraten lassen. Lieber einmal 500 Euro für einen Anwalt vorher ausgeben als nachher 5000 Euro Strafgebühr für eine wie auch immer geartete Abmahnung. Also, so sieht es wohl aus: Bei der DSGVO - also der Datenschutzgrundverordnung - handelt es sich um ein EU-Gesetz, das in Wahrheit schon längst in Kraft getreten ist - am 25. Mai 2016 nämlich - und das somit auch für alle Mitgliedsländer gilt. Doch der Gesetzgeber hat eine zweijährige Übergangsfrist eingeräumt, die nun bald, am 25. Mai 2018, auslaufen wird. Daher ist die Panik derzeit allerorten sehr groß. Denn die DSGVO wird jetzt für alle zur Pflicht. Und die Unsicherheiten sind derzeit gewaltig, weil keiner, wirklich keiner, irgendwie voraussagen kann, was sich alles verändern wird. In der Bloggerszene schießen die Spekulationen dementsprechend ins Kraut und nicht wenige prophezeien einen gewaltigen Wandel dessen, was derzeit möglich ist. Sei es beim Betreiben einer Website oder bei der Möglichkeit, mit seinen Blogs ein wenig Geld zu verdienen, siehe oben. Ob das berechtigt ist? Nun, sicherlich, teilweise ja, muss ich leider sagen. Denn: Mit Abmahnvereinen habe ich so meine Erfahrungen.  


Da sitzt Geld drin: Abmahnen ist ein Wirtschaftszweig


Denn eines muss klar sein: Beim Abmahnwesen handelt es sich um einen Wirtschaftszweig, der darauf spezialisiert ist, sein Geld damit zu machen. Was sich durchaus lohnen kann, weil die Strafen zuweilen empfindlich hoch sein können, so auch bei der  DSVGO. Irgendwann, so Ende der 90er Jahre, hatten sich die entsprechenden Anwälte darauf eingeschossen, bei allen Medien strengens darauf zu achten, dass alles, was Werbung war, auch entsprechend gekennzeichnet war - und damals betraf das zu 99 Prozent die Zeitungen und Zeitschriften. Damals war ich noch als Mediengestalter aktiv und ein Teil meiner Aufgabe war es, dafür Sorge zu tragen, dass alle im redaktionellen Teil stehenden Anzeigen im Printbereich mit einer Linie abgetrennt und entsprechend als "Anzeige" gekennenzeichnet waren. War das einmal nicht der Fall, war die entsprechende Abmahnung keine Sache des Zufalls, sondern man konnte getrost davon ausgehen, dass ein entsprechendes Schreiben eintreffen würde. Irgendwann, mit zunehmenden Aktivitäten im Internet, verlagerte sich das Geschehen an andere Stelle. Zuletzt hatte ich mit Abmahnvereinen nur noch indirekt zu tun, wenn es um Urheberrechtsfragen im Internetbereich ging - wenn beispielsweise jemand als Facebooknutzer ein Foto hochgeladen hatte oder auch nur einen Beitrag mit einem Foto darin weitergeleitet hatte, drohten Unterlassungsklagen. Eine Zeitlang geisterte die Aussage durch das Netz, der normale Facebookauftritt eines durchschnittlichen Jugendlichen könnte bis zu 20000 Euro an Abmahngebühren wert sein, wenn man danach suchen wollte. Ob das wirklich so war oder nur eine Latrinenparole, kann ich nicht sagen. Wohl aber das: Dass es jetzt eine potentielle Bedrohung für unbescholtene Internetnutzer geben könnte, ist nicht von der Hand zu weisen. Also was tun? Das muss jeder für sich selbst rausfinden! Für mich wären offenbar diese drei Schritte die nächsten. 


Nur weil ein Blogger selbst keine Daten speichert, bedeutet das nicht, dass nicht die von ihm genutzte Software das tut - aber es ist dann wiederum seine Verantwortung, das alles nachzuweisen.   (Thomas-Achenbach-Fotos)

Denn wenigstens diese drei Pflichten ergeben sich offenbar für mich ebenso wie für alle anderen, die online unterwegs sind: Ich muss ein sogenanntes Verarbeitungsverzeichnis vorweisen können, also ein Verzeichnis, das auflistet, welcher Betreiber was an Daten speichert. Ich muss einen individuell für mich aufgesetzten Datenschutzhinweis implementieren, der nicht aus einem Formtext bestehen darf - ich habe zwar bereits eine Datenschutzerklärung auf meinen Blogs, aber die werde ich mir nochmal ganz kritisch angucken müssen. Ob ich parallel auch eine Datenverarbeitungsvereinbarung mit meinen Blogbetreibern eingehen muss, habe ich noch nicht verstanden, manche Blogger legen den Gesetzestext so aus, als müsste das nur beim Einsatz von Google Analytics geschehen. Wer indes eine Website betreibt, muss das auf jeden Fall tun, so verstehe ich das jedenfalls (hatte ich eigentlich schon darauf hingewiesen, dass dieser Beitrag hier keinesfalls eine Rechtsberatung ersetzt und ich keine Haftung übernehme)? Wegen all dieser Schritte habe ich mich entschieden, das Kommentieren auf diesem Blog nur noch über eine vorherige Anmeldung möglich zu machen und somit eine Möglichkeit zu haben, in meinen bald neu geschriebenen Datenschutzverordnungen entsprechend darauf aufmerksam zu machen. 


Wenn's hart auf hart kommt: Einfach abschalten


Auch das muss klar sein: Im schlimmsten Fall wird es diesen Blog - und gleichermaßen meinen Trauerblog - ab dem 25. Mai 2018 einfach nicht mehr geben. Dann nämlich, wenn ich mich tatsächlich, wie von manchen befürchtet, einer undurchschaubaren Klagewut ausgeliefert sehen sollte. Dann gäbe es nur noch eine Möglichkeit: Stecker raus und fertig. Ende, Aus, vorbei. Aber selbst, wenn ich mich dann auf das Schreiben von in Briefen an interessierte Leser verschickten Beiträgen fokussieren sollte, komme ich nicht darum herum - auch dann muss ich den Anforderungen der DSGVO Rechnung tragen. Denn der ist es vollkommen egal, ob die Daten digital gespeichert werden oder auf Papier. Überall, wo Daten gespeichert werden, greift die Verordnung. Sprich: Letztlich sogar bei jedem einzelnen E-Mail-Programm... Okay, kommen wir zum Fazit. 



Eine recht gute Zusammenfasssung über das Thema gibt es auch bei den Blogs "Selbstständig im Netz/Thema DSGVO" oder beispielsweise bei diesem Blog zum Thema Reisen und Fotografien sowie bei, öhm, ja, dem "Testbeautyblog". Wobei alleine schon das Einbauen von Links zu anderen Blogs wieder so eine Sache sein könnte.... Aber das führt jetzt vermutlich zu weit. Was ab dem 25. Mai geschehen wird, ist vorerst offen. Ob es tatsächlich die große Veränderung geben wird, wie sie viele derzeit befürchteten, werden wir sehen. Ob ganze Geschäftsmodelle eingehen werden. Oder ob sich gar nicht sooo viel verändern wird. Aber: Vorbereitet sein, kann sicher nicht schaden... Und sich schlaumachen, also auch an anderen Stellen, nicht nur hier. 

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Montag, 19. März 2018

So ist das Musical "Chaplin" im Theater Osnabrück in der Inszenierung des Regisseurs Christian von Götz - Knallbunter Slapstick-Abend mit trotzdem tiefgehenden Momenten (seit März 2018) - Charlie Chaplins Leben als Musical

Osnabrück - Und dann war ich wieder einmal in offizieller Mission unterwegs. Dass ich in diesem Blog gerne mal etwas über das Theater Osnabrück schreibe - weil sich dann meine zwei größten Leidenschaften auf das Vortrefflichste vereinen, das Erleben von Theater und das Bloggen -, ist vielleicht bekannt. Dass ich in offizieller Funktion gelegentlich als Vertreter der Osnabrücker Nachrichten (ON) einspringe, wenn Kollege Werner Hülsmann nicht kann, ebenfalls. Nun war es wieder einmal soweit. Es stand auf dem Spielplan: Die Premiere des Musicals "Chaplin" als deutschsprachige Erstaufführung. Und der Regisseur war mir kein Unbekannter, denn von Christian von Götz hatte ich schon einmal etwas gesehen... 

Meine paar Gedanken, die ich im Nachgang der am 10. 3. erlebten Premiere zu dem Musical verfasst habe, fanden sich in der ON-Ausgabe vom 18. März 2018 (Sonntag). Gerne würde ich hier einen Link zu der Online-Version des Artikels einfügen, aber das lässt sich wegen einer technischen Umstellung in unserem ON-E-Paper/Onlineauftritt derzeit leider nicht anbieten. Wie gut also, dass sich zumindest an dieser Stelle eine Möglichkeit bietet, den Text auch online anzubieten. Hier habe ich den Rohtext als solches hier in diesen Blog einkopiert, er findet sich unten angefügt. Und weil mich der Kollege von der Neuen OZ das in der Pause gefragt hatte, hier noch ein mir wichtiger Transparenzhinweis: 


Das Musical Chaplin am Theater Osnabrück hatte am 10. März Premiere (Szenenfotos: Jörg Landsberg/Theater Osnabrück).

Ja, es ist wahr, dass ich an der Hochschule Osnabrück mehrere Jahre lang einen Lehrauftrag für das Thema Musicalgeschichte haben durfte und die angehenden Musicalstudenten in diesem Thema unterrichten durfte (von denen eine Handvoll hier vertreten ist), was ich übrigens leidenschaftlich gern getan habe. Dennoch war ich leider gezwungen - vor allem weil meine zahlreichen Aktivitäten hier und dort mich irgendwann zu überfordern drohten und Familie und Hauptberuf ja auch jeden Tag ihre zehn bis zwölf Stunden Aufmerksamkeit erfordern  - diese Nebentätigkeit inzwischen aufgeben zu müssen. Ich bin dort also nicht mehr beschäftigt und unterrichte nicht mehr. Insofern nehme ich also das in Anspruch, was auch Kollege Werner Hülsmann zu mir sagte: "Schreib' mal ruhig da drüber, Du bist ja inzwischen nicht mehr befangen." Tatsächlich hatte ich es in den Jahren, in denen ich noch als Dozent dort tätig war, immer bewusst vermieden, über Produktionen mit Studenten darin zu schreiben - eben wegen Befangenheit... Hier also mein Artikel auch als Rohtext zum Nachlesen: 


Der Artikel aus den ON am Sonntag vom 18. 3. 2018 in seiner layouteten Version.


Chaplins Leben als knallbunte Slapstick-Groteske

Neues Musical am Theater Osnabrück: Funkelnde Glanzmomente und berührende Dramatik beim deutschsprachigen „Chaplin“-Debüt

Osnabrück (ON) – Genau zehn Jahre ist es jetzt her, dass sich das Osnabrücker Theater um die Weiterentwicklung des Themas „Musicals in Deutschland“ verdient gemacht hatte, indem es das zu diesem Zeitpunkt so gut wie nie gespielte Kleinod „Grand Hotel“ auf die Bühne holte. Und nun, eine Dekade später, steht mit der deutschsprachigen Erstaufführung von „Chaplin“ erneut ein Stück auf dem Spielplan, das der nächste Musical-Meilenstein werden könnte – oder ?

„Chaplin“ erzählt die Lebens- und Leidensgeschichte des bekannten Schauspielers, Produzenten und selbst ernannten Weltbürgers. Geschrieben vom dreifachen Tony-Award-Gewinner Thomas Meehan („Annie“, „The Producers“, „Hairspray“), wird die Geschichte jedoch dramaturgisch hier und da so zugespitzt, dass sie sich besser in ein übliches Musicalschema einfügt. Wenn Chaplin beispielsweise während der Dreharbeiten zu „The Kid“ vom Tod des eigenen Babys erfährt und sich brutal mit seiner Arbeitssucht konfrontiert sieht, ist das dramaturgisch berührend, historisch aber nicht ganz korrekt.

Sei’s drum. Knallbunt geht es hier auf der Bühne zu. Regisseur und Bühnenbildner Christian von Götz – zum ersten Mal in Osnabrück im Einsatz – lässt das komplette Musical in einem grotesken Slapstickmodus abschnurren, so als sei es einer der frühen Chaplin-Filme. Nur an wenigen dramatischen Wendepunkten gönnt sich die Regie eine Auszeit von der extravaganten Überzeichnung. Kostümbildnerin Sarah Mittenbühler unterstreicht das Geschehen in einer farbenreichen Ausstattungsorgie – die bei dem meist eher kargen Bühnenbild besonders knallig zur Geltung kommt.


(Jörg-Landsberg-Foto/Theater Osnabrück)

Von Götz hatte in Oldenburg vor rund zwölf Jahren das Kreuzfahrtmusical „Anything goes“ in mehrfacher Hinsicht versenkt, ließ er doch den zweiten Akt in einem vermeintlich untergegangenen Schiffskörper spielen und seine Darsteller mit einem ständigen „Blubb Blubb“ in jedem zweiten Satz das Publikum nerven. Auch „Chaplin“ ist nicht immer befreit von solcherlei Albernheiten – und doch beweist von Götz eindrucksvoll, dass er auch tiefergehender inszenieren kann- Wie er hier immer wieder Charlie Chaplin als reale Figur und Chaplins „Tramp“ als Kunstfigur auftreten lässt, manchmal wie eine Einheit miteinander verzahnt, manchmal wie zwei Figuren aus zwei verschiedenen Welten, die erst wieder zueinander finden müssen, sorgt für Gänsehautmomente und Bilder von einer poetischen Kraft.

Hauptdarsteller Mark Hamman zeigt als Charlie Chaplin überzeugend die inneren Konflikte, die die komische Figur des Tramps immer weiter von der tragischen Figur des Lebens entfernen. Verena Hierholzer gibt dazu ein brillantes Tramp-Imitat inklusive stummfilmisch überdrehten Minenspiels.

Der zweite Kapellmeister An-Hoon Song tut sein Bestes, um die Kompositionen von Christopher Curtis mit dem hiesigen Orchester zum Glänzen zu bringen – filmmusikalischer Schmelz und jazzige Finesse lassen die Musik in einigen Glanzmomenten funkeln. Ensemblenummern wie „Leben kann wie ein Film sein“ werden so zum fetzigen Ohrwurmgaranten und zum Augenschmaus (gespielt wird erstmals die neue deutsche Übersetzung von Nico Rabenald).

Ansonsten ist hier beinahe alles an Personal drin, was das Musiktheater hergeben kann. 
Die durch neun Musical-Studenten der hiesigen Hochschule (vom Institut für Musik) und weitere Gäste verstärkte Darstellerriege sorgt für eine rasante Show, in deren besten Augenblicken die Grenzen zwischen Profis, Studenten, Choristen und Statisten verschwimmen (wenn auch nicht immer). Die flotte Choreografie von Kerstin Ried tut ihr Übriges dazu, um für den nötigen Musical-Schwung zu sorgen.

Im zweiten Akt verliert das Musicalvehikel indes an Tempo. Komponist Curtis schichtet Ballade auf Ballade und Reprise auf Reprise, ohne dass ihm allzu viel Erinnungswürdiges eingefallen wäre, und Regisseur von Götz macht aus der bösartigen Klatschreporterin Hedda Hopper eine allzu überdrehte Karla Kolumna aus dem Intrigantenstadl der Comic-Hölle.

Dass die Autoren zudem auf die viel hübscheren Kompositionen von Charlie Chaplin selbst verzichten mussten – „Smile“ wäre gesetzt für so ein Theaterstück – tut dem ganzen Werk nicht immer gut. Und doch kriegt das Musical die Kurve – die dramatischeren Szenen rund um den „Großen Diktator“ und Chaplins Auszug aus den USA gehen zu Herzen. Das Leben kann manchmal ja wirklich – wie ein Film sein …!

Die nächsten Aufführungen:  - Am 24. 4., Dienstag, 19.30 Uhr. - Am 2. 5., Mittwoch, 19.30 Uhr. - Am 15. 5., Dienstag, 19.30 Uhr. - Am 19. 5., Samstag, 19.30 Uhr. - Am 21. 5., Montag, 19.30 Uhr. - Am 31. 5., Donnerstag, 19.30 Uhr. - Zwei weitere Termine im Juni. - Jeweils im Theater am Domhof. - Infos und Karten unter Telefon 05 41/7 60 00 76.

Transparenzhinweis: Besuch der Aufführung durch Pressekarten, freundlicherweise vom Theater zu ON-Rezenionszwecken zur Verfügung gestellt.Besuchte Vorstellung: Premiere, 10. 3. 2018

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Mittwoch, 28. Februar 2018

Am 16. 5. wird das Musical "An American In Paris" als Bühnenshow im Kino gezeigt - zwar nicht live, aber live aufgezeichnet - warum sich das Anschauen sicher lohnen wird, was einen erwartet plus die Hintergrundgeschichte des Musicals



Was 1951 ein Film war, ist inzwischen ein Musical für die Bühne geworden - dabei hat George Gershwin niemals ein Musical mit dem Namen "An American In Paris" komponiert.  (Trafalgar-Releasing-Foto) 

Osnabrück - In meinem Interview mit ihm zum Thema "Live-Events im Kino" hatte der Vermarktungs-Fachmann Thomas Schülke noch über Musicalübertragungen gesagt: "Da würde ich mir auch ein regelmäßigeres Angebot wünschen." Nun geht sein Wunsch für einen Tag in Erfüllung - am 16. Mai 2018 (Mittwoch, 19.30 Uhr) wird weltweit wieder ein Bühnenmusical aus dem Londoner West End auf der Kinoleinwand zu erleben sein, so, wie es dereinst schon mit "Billy Elliot" erfolgreich geschah. Diesmal ist es "An American In Paris", so wie es im Londoner Westend gelaufen ist. Wobei das Musical selbst eigentlich im titelgebenden Paris erstmals auf die Bühne gebracht wurde und in London bereits abgespielt ist. Hier die Fakten dazu.

"'An American in Paris' ist im West End ausgelaufen, aber Sie können das Musical am 16. Mai in Kinos weltweit erleben" - so heißt es auf der Website des Stückes. Und wer sich durch den Werbebanner hindurchklickt, der erfährt: Am 6. Januar ist die letzte Aufführung des Musicals im Londoner West End über die Bühne gegangen. Anders als seinerzeit bei Billy Elliot und anders als bei der "MET im Kino" handelt es sich also um eine Aufzeichnung (vielleicht eine, die auch auf DVD erscheinen wird - Vermutung...!), nicht um ein Live-Ereignis. Okay, das gibt einen Punktabzug. Sehenswert und lohnenswert wird der Abend indes ganz sicher. Denn vieles spricht dafür, sich dieses Stück auf der großen Leinwand anzusehen:

Ja, sind wir denn hier bei "La La Land"? Wobei: Auch "La La Land", ein einziger Zitatereigen, bediente sich durchaus bei "An American In Paris" (Trafalgar-Releasing-/Johan-Persson-Foto).

Als ich noch an der Hochschule Osnabrück das Thema "Geschichte des Musicals" unterrichtet habe (was ich aus Orga- und Zeitgründen erstmal beiseite legen musste, bevor mir alles, was ich so gerne tue und gerne tun würde, über den Kopf wächst), hat "An American In Paris" eine zentrale Rolle in meinem Lehrplan gespielt. Denn was hier gerne als Gershwin-Musical verkauft wird, ist ja in Wahrheit vor allem eines: Ein Filmmusical aus dem Jahr 1951, also aus der silbernen Ära dieses Genres (davon ausgehend, dass die goldene Ära des Filmmusicals mit Werken wie "Top Hat" begann). Und eines der ersten so genannten Jukebox-Musicals, also eines, das aus bereits bestehendem Songmaterial mit neuer Handlung zusammengebaut wurde. Denn George Gershwin selbst hat dieses Stück so niemals geschrieben - wohl aber die hier in Teilen benutzte Tondichtung, von ihm selbst als Rhapsodie bezeichnet, die im Film in einer grandiosen Traumsequenz als lange Tanz- und Ballettszene benutzt wird. Auf die Idee, aus dem Film auch ein Bühnenmusical zu machen, nach Vorbild des äußerst erfolgreichen "Crazy For You" (das inzwischen sogar auf der Freilichtbühne Tecklenburg gelaufen ist), kam man tatsächlich erst 2014. Obwohl es ja recht naheliegend gewesen wäre. Und es geschah in einer eigentlich nicht für ihre Musicals berühmte Stadt....


Tanz und Glanz, große Tableaus und klassische Bühnenbilder - wer es oldfashioned mag, ist bei diesem Musical sicher an der richten Stelle (Trafalgar-Releasing-/Johan-Persson-Foto).

Wobei, okay, zugegeben, die Behauptung stimmt nicht: Denn auch in Paris, der Hauptstadt Frankreichs, gibt es eine eigene Musicalkultur. Wobei Stücke wie "Romeo & Juliet" oder "Notre Dame de Paris" mehr als Rock-Revuen funktionieren, aber das ist ein eigenes Thema. Jedenfallls war es das Théâtre du Châtelet in Paris, in dem die Bühnenfassung von "An American In Paris" ihre Uraufführung erlebte. Erst ein Jahr später kam das Stück dann auch am Broadway heraus. Den Film auf die Bühne zu heben, macht in mehrfacher Hinsicht Sinn. Zum einen, weil der seinerzeit komplett in einem Filmstudio gedrehte Streifen heute doch ziemlich künstlich wirkt. Und zum zweiten, weil er ein hübsches Best-Of-Programm der Gebrüder George und Ira Gershwin anbietet, das man einfach kennen sollte (einschließlich solcher Hits wie "‘S Wonderful" oder das schon in "Crazy For You" verwurschtelte "I Got Rhythm') . Was das Musical indes so sehenswert machen wird, ist klar.


Was uns erwarten dürfte: Musical ganz "wie früher"


Es ist sein betörend altmodischer Charme. Von dem ich mir erhoffe - der ich die Bühnenversion noch nicht gesehen habe -, dass er genauso bezaubernd sein wird wie er es einst bei "Crazy For You" gewesen ist. Denn schon aus diesem Musical bin ich seinerzeit, 1995, im West End herausgegangen mit einer gewissen Atemlosigkeit und dem Gefühl, etwas so Herrliches erlebt zu haben wie seinerzeit die mich als Kind in den Bann ziehende "Hello Dolly" 1983 im Osnabrücker Theater. Also: Musical "wie früher". Eine Handlung hat das Musical natürlich auch, sie liest sich in der Ankündigung des Kinovermarkters wie folgt:

Dieses Plakat dürfte in dem einen oder anderen Kino auftauchen (Trafalgar-Releasing-Foto).

"Jerry Mulligan ist ein amerikanischer GI, der danach strebt, es als Maler in einer Stadt zu schaffen, die plötzlich voller Hoffnung und Möglichkeiten ist. Nach einer zufälligen Begegnung mit einer schönen jungen Tänzerin namens Lise, bilden die Straßen von Paris den Hintergrund für eine sinnliche Romanze voller Kunst, Freundschaft und Liebe in der Zeit nach dem Krieg…". Was das Musical aber eigentlich bieten dürfte, geht über die Handlung hinaus: Große Szenenbilder, Tanz-Tableaus, swingende Orchestermusik, Glanz, Tanz und Bühnenzauber. Oder? Wir werden sehen. Und was das Dominion Theatre in London angeht, dem bisherigen Spielort von "An American in Paris": Dort startet Mitte April tatsächlich "Bat Out Of Hell, The Musical". Auweh. Was das wohl werden wird?

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